für Sinfonieorchester – 2026, ca. 16′

– 3/3/3/3 4/3/3/1 Akk., Pno, Hfe, Timp., 4. Perc., Str.
Peters Verlag, Score in rent: EP 14900

UA: 18 Okt. 2026, SWR Sinfonieorchester, Dir.: François-Xavier Roth, Donaueschinger Musiktage 2026, Donaueschingen.

Auftrag des SWR

Lydia Rilling gewidmet

Programmnotiz:

Die Musik der sogenannten „Pygmäen“ (ein allgemeiner und abwertender Begriff griechischen Ursprungs) der Mbaka, Bedzan und Aka aus Zentralafrika begleitet mich ununterbrochen seit dem Jahr 2000, seit meinem Studium der Ethnomusikologie und einer Reise zu den Bedzan in die Region Tikar in Kamerun. In ihrer Musik —wenn nicht sogar in ihrer Lebensphilosophie— habe ich das gefunden, wonach ich schon zuvor bereits gesucht und teilweise auch schon praktiziert hatte. Sie haben mir viel beigebracht, sei es in technischer Hinsicht (Polyrhythmik, rhythmische Asymmetrie, Kometrizität, Stimmenwechsel als Mittel zur Verwirrung, besondere Behandlung von Wiederholung, Verzierung oder Differenz) oder in Bezug auf soziologische und philosophische Prinzipien, die mich aus persönlichen Gründen oder aufgrund meiner Familiengeschichte bereits beschäftigten: die einzigartige Beziehung zwischen Individuum und Gruppe, zwischen der Musiker:in und seinem/ihrem Instrument, die „musikalische Bescheidenheit“ (keine Solisten, keine Hierarchie, sondern im Gegenteil ständige Vermischungen und Illusionen, um „die Gruppe zu vermusizieren“), permanente Irreführungen zur Dekonstruktion jeder autonomen Einheit usw. Dies sind Prinzipien, die sie in einer systematischen, subtilen und ästhetischen Weise anwenden.

Hindewhu ist der Name einer äußerst einfachen Flöte, die von den Ba-MBenzele gespielt wird. Das Instrument besteht aus einem etwa zehn Zentimeter langen Röhrchen aus einem Papayazweig, das keine Tonlöcher aufweist. Aufgrund dessen erzeugt es nur einen einzigen Ton, einen einzigen Klang. Im weiteren Sinne ist Hindewhu ein Repertoire für Solostimme, das im Hoquetus zu dieser mono-Ton Flöte gesungen wird [1]. Die Instrumentierung ist minimal, und die kompositorischen Möglichkeiten scheinen aufgrund der monodischen Beschränkung der Solist:innen, der im Hoquetus singt, und dieser mono-Ton Flöte begrenzt zu sein. Meiner Meinung nach gehören die Hindewhu-Kompositionen jedoch zu den subtilsten und sensibelsten Repertoires der Menschheit. Instrumental gesehen weist dieses Repertoire, wie jedes Pygmäen-Repertoire, herrliche Ambivalenzen zwischen dem Ganzen und dem Teil auf: ein.e einzige.r Interpret.in, aber eine Gesangsstimme, die oft auch die Jodlertechnik (eine Gesangstechnik, bei der zwischen Brust- und Kopfstimme gewechselt wird) nutzt, sodass die Einzigartigkeit der Musiker:in wahrnehmungsmäßig in mindestens drei virtuelle Klangentitäten aufgespalten wird: die beiden Stimmlagen und den einzigartigen Klang der Flöte.

Die Subtilität und die Dekonstruktion der Autonomie der Einheiten hören damit jedoch noch nicht auf. Wie der Ethnomusikologe (und einer meiner Mentoren) Simha Arom in einer herausragenden Analyse dieses Repertoires gezeigt hat [2]: In den meisten Hindewhu-Stücken singt die Stimme „asymmetrische“ Formeln [3+2+2]+[3+2] also 12 Elementarwerte (asymmetrische Halbperioden [7]+[5]), die innerhalb einer Gesamtperiode von 12 ternären Takten dreimal wiederholt werden, wie es in den meisten Repertoires Zentralafrikas virtuos aber üblich ist [3], insbesondere bei der Pygmäen-Musik. Diese einfache Flöte erzeugt einen einzigen Ton, der in regelmäßigen Zeitabständen aller vier Grundtakte gespielt wird. Er fügt sich wie ein perfekter Hoquetus in die Pausen dieser komplexen asymmetrischen Gesangsformeln ein. Hier staunt man über die mathematische Virtuosität dieser Kompositionen, die trotz der Verwendung äußerst einfacher Mittel erreicht wird (eine Stimme und ein einziger Ton, der aus einem Quasi-Zweig stammt, einer Flöte, die in eine musikalische Pause mit regelmäßiger Zeitabständen fällt, während die anderen Segmente dieser Monodien komplexe Rhythmen erzeugen – das muss man erst einmal mathematisch berechnen!). Und man staunt über die Schönheit dieser unterschiedlichen Klangfarben. und mathematischen (und das Ohr nimmt deutlich wahr, wenn auch unbewusst, die komplexen Gesangsformeln und die regelmäßige Wiederholung der Flöte) sowie kontrapunktische Täuschungen für ein Repertoire, das a priori solistisch ist und ein äußerst einfaches Instrument verwendet.

Das Ganze wird unter freiem Himmel aufgeführt, ohne die Akustik eines Konzertsaals, ohne Künstlichkeit und ohne Überkomplizierung – ein technisches und ästhetisches Meisterwerk der Komposition/Dekomposition, dargeboten von Musiker:innen, die keine Musiktheorie in Worte fassen und kein komplexes Instrument fetischisieren (aufgrund ihres nomadischen Lebensstils, ihrer rudimentären Werkzeuge und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber der Technologisierung, im Gegensatz zu den sesshaften Bevölkerungsgruppen in ihrer Umgebung, oder anderen sesshaften Zivilisationen weltweit, einschließlich unserer eigenen), die keine Musikschule besuchen, keinen Begriff von musikalischer Professionalisierung und Solisten (Gleichheit der Rollen) kennen und in sehr wenig hierarchischen Strukturen und ganz nah an der Natur leben. Ein nachdenklich stimmender Kontrast zu unseren Orchestern, unserer Notenschrift, unserem Logozentrismus, unseren hochprofessionellen (und so oft narzisstischen…) Künstler:innen und unserer Verachtung für andere Kulturen und für den Planeten. Dieses Repertoire ist jedoch wenig bekannt, und diese Völker verschwinden mit der Klimakrise, die wir verursacht haben, nicht sie.

Meine Komposition ist kein Hindewhu. Sie erhebt keinen Anspruch auf Folklorismus oder irgendeine andere Form kultureller Aneignung. Das Anliegen ist ein anderes, vielschichtiges, vor allem ein Kommentar zu unserer krisengeschüttelten Zeit. Zahlreiche Techniken, insbesondere meine üblichen polyrhythmischen Techniken, oder zahlreiche persönlichen Orchestrationstechniken von Klangtexturen und akustischen Illusionen spiegeln meine derzeitige Stimmung wider, die von dieser Zeit und unserem Egoismus erschüttert ist. Doch im Hintergrund ist dieses Stück eine indirekte und symbolische Hommage an dieses Repertoire und jene Völker, von denen ich so viel gelernt habe – im Kontrast zu unserem technisierten und konsumorientierten Anthropozän, das unseren Planeten in den Ruin treibt. Das Stück versteht sich auch als Rahmen für dieses Instrument und diese musikalische Denkweise. Es ist eine Einladung, dieses großartige Repertoire besser kennenzulernen, sowie eine traurige und desillusionierte Allegorie auf unsere Zeit und den Zustand unseres Planeten.

[1] Siehe beispielsweise diese video oder diese video. Siehe auch den Kommentar von Francis Bebey.
[2] Arom, Simha (1998), “ ‚L’arbre qui cachait la forêt’. Principes métriques et rythmiques en Centrafrique ” Revue belge de Musicologie/Belgisch Tijdschrift voor Muziekwetenschap, vol. 52, pp. 179–195.
[3] Arom, Simha (1985), Polyphonies et polyrythmies instrumentales d’Afrique centrale, Paris, Selaf éd.