für Akkordion & Klavier – 2019

I.- Quand le psittirostre zinzinule (ca. 9′)
II.- Novembre (in memoriam Jean-Claude Risset & Corinna L.) (ca. 6′)

Programmtext :

Wer in dieser Zeit einer Krise des Hörens, in der das Visuelle das Gehör dominiert (auch bis zum 18. Jahrhundert war das Hören eher sekundär), in der sogar viele Komponisten folglich Konzept- und medienübergreifende Kunst präferieren und visuelle Objekte hinzufügen, weiterhin reine Musik komponiert, erscheint vielleicht wie ein Dinosaurier.

Ich behaupte stolz diese Haltung, zum einen, weil das Hören, ohne dass ich es ändern kann, mein erster Sinn, meine Leidenschaft, mein Handicap ist. Zum anderen ist es gerade im postmodernen Kapitalismus, der keine autonomen Produzenten, sondern normalisierte Konsumenten braucht, um sie besser zu manipulieren, notwendig für seine in der Minderheit liegende Expertise und für seine Unterschiede, für seine Dissonanzen zu kämpfen.

Was mich als Komponist besonders interessiert, ist, das kognitive Hören in die Irre zu führen, Wahrnehmungsparadoxien zu schaffen, wie zum Beispiel, in diesem Werk, pulsierte Rhythmen in komplexen Polymetrien (erster Satz des Stückes), Schaffen und Austausch von nicht erkennbaren Klängen zwischen den zwei Instrumenten (Verwendung ungewöhnlicher Register, zum Beispiel im ersten Satz) oder absteigende Skalen, die wir zu erkennen glauben, aber die in der Tat nicht oktavierend sind (zweiter Satz).

Ich entscheide oft meine Werktitel nach dem Komponieren. Was bedeutet es jedoch, in Zeiten des Klimawandels und des Niedergang des Anthropozäns zu komponieren? Der verschwundene Psittistrope Sperling zwitschert nicht mehr. Kann der Komponist noch komponieren? Dieser Zyklus (zwei Stücke sind jetzt anzuhören, andere sollen folgen) ist in gewisser Weise eine Chronik des Abgesangs (“chroniques déchantées“), da der Künstler die Welt nicht verändern kann, aber davon zeugen kann.